1. Das belämmerte Schweigen

Das belämmerte Schweigen

Die Berufsgruppe der Pädagogen beschäftigt sich nur widerwillig mit sexuellem Missbrauch

Von Micha Hilgers

Eine Anfang fünfzigjährige Frau sucht als neue Patientin eine Frauenärztin auf. Zum Erstaunen der Ärztin erscheint ihre Patientin bei der Vaginaluntersuchung wie jungfräulich. Vorsichtig darauf angesprochen, erklärt die Frau ihre sexuelle Enthaltsamkeit mit einer frühen Missbrauchserfahrung. Sie spreche das erste Mal darüber. Erneute Verblüffung bei der Ärztin: Ob sie denn niemand anlässlich einer Hysterektomie (Gebärmutterentfernung) befragt habe. Nein, antwortet die Patientin, sie sei aber erleichtert, erstmals überhaupt die Tatsache des Übergriffs ausgesprochen zu haben.

Opfer sexuellen Missbrauchs hüllen sich oft über Jahrzehnte in Schweigen. Ursache sind nicht nur Scham über die erlittenen Übergriffe, die verwirrenden emotionalen Verstrickungen mit dem Täter oder die Furcht vor Vorwürfen oder eigenen Schuldgefühlen. Das Tabu, das die Täter dem Opfer auferlegten, das Gebot zu schweigen, wirkt fort. Häufig formulieren die Opfer für sich, sie müssten erst eine Sprache für die Erlebnisse finden oder gar, wie der Schriftsteller Bodo Kirchhoff, selbst Opfer von sexuellen Übergriffen, sagt, „ich musste mir eine erfinden“.

Denn die Sprache ist vergiftet, durch die Wortwahl des Täters, seine Anspielungen und Verharmlosungen. Sie zu wählen, würde eine unerträgliche Nähe zum damaligen Geschehen herstellen und die Distanzierung, die durch das Schweigen mühsam und brüchig hergestellt wurde, sofort aufheben. Unbefangenes Sprechen scheint unmöglich, befangen-verlegenes Stottern steigert Hilflosigkeit und Scham, und die entstehende Wut über diese eigenen Kontrollverluste behindert zusätzlich. Aus diesen Teufelskreisen kommen viele Opfer zeitlebens nicht heraus. Umgekehrt stellt das Offenbaren der Taten durch die Opfer einen mutigen Emanzipationsversuch dar. Doch der wird gerade durch jene, die es angeht, behindert, ja geradezu torpediert.

Dass die Täter schweigen bis sich die Balken biegen, und dann in die für Pädophile üblichen Ausflüchte verfallen, die die Opfer zu den wahren Tätern zu machen versuchen, wundert nicht. Das Trio infernal der pädophilen Rechtfertigungen besteht aus dem Vorwurf an die Opfer, diese hätten in Wirklichkeit den Täter verführt – also einer Verkehrung von Tätern und Opfern. So zum Beispiel der im Alter nicht weiser gewordene so genannte Reformpädagoge Hartmut von Hentig (84), der sich allenfalls vorstellen kann, dass sein Lebenspartner von Schülern verführt worden wäre. Womit sich jede weitere Debatte über die Qualitäten von Hentigs erübrigt. Die nächste Verteidigungslinie besteht in der zynischen Behauptung, es habe den Opfern ja eigentlich gefallen und Schaden könne ihnen nicht erwachsen sein. Schließlich begünstigen Ideologien, die die Inzest- und Generationenschranken leugnen, Übergriffe aller Art – etwa, wenn man sich in einer gemeinsamen Familie wie in der Odenwaldschule wähnt, die de facto nicht besteht. Die vermeintlichen Eltern, die in Wahrheit keine sind, gehen eine Nähe zu ihren Schutzbefohlenen ein, die beinahe grenzenlose Macht beinhaltet und dabei jeder Kontrolle entbehrt. Zudem schmeichelt die Ideologie vom gemeinsamen Lernen und Leben ihren Erfindern, die als Ikonen der Reformpädagogik für ihre Opfer nahezu unangreifbar waren.

Die Ignoranz und das nicht wissen Wollen, das der Patientin bei allen gynäkologischen Untersuchungen im Vorfeld begegnete, betrifft natürlich auch die pädagogische Disziplin als Ganze. Die Überraschung über die Vorfälle im Odenwald und an anderen Schulen ist heuchlerisch: Nicht wenige namhafte Pädagogen waren selbst Schüler derartiger Einrichtungen, intern wusste man natürlich von mindestens einzelnen Übergriffen. Was beinahe jeder Psychotherapeut in seiner Praxis immer wieder unter Qualen der Opfer geschildert bekommt, kann engagierten Berufspolitikern der pädagogischen Fachgesellschaften nicht verborgen geblieben sein. Strip-Poker, gemeinsames Duschen, Wochenendservice mit ausgeliehenen SchülerInnen, Wecken durch Hände unter Bettdecken oder intensive Einzelkontakte – das alles können die Funktionäre der pädagogischen Disziplin nicht über Jahrzehnte übersehen haben. Dieses jahrelange stillschweigende Mitwissen, das einer Unterlassungssünde gleichkommt, nun zu offenbaren, würde bedeuten, dass man sich selbst mit beschuldigen würde. Und das erklärt das skandalöse Schweigen jener, die aufgerufen wären, die Opfer, ihren Berufsstand und die Reformpädagogik in Schutz zu nehmen.

Leuten wie von Hentig, die noch nicht einmal eine Demenz als Entschuldigung für ihre Einlassungen vorbringen können, wäre in den Arm zu fallen, wenn nicht öffentlich der Mund zu verbieten. Denn zynische Äußerungen wie die Beschuldigung der Opfer können für diese eine Retraumatisierung bedeuten – mindestens aber eine weitere – diesmal öffentliche Demütigung. Doch die ehemaligen Lehrer und Vorbilder in die Schranken zu verweisen und sich dabei einzugestehen, dass man wenigstens in Teilen den falschen Aposteln aufgesessen ist, bedeutet ebenfalls eine Beschämung – allerdings der Verantwortlichen für Schulen und pädagogische Konzepte. Die Opfer beweisen mehr Mut als die Schüler und Anhänger der Reformpädagogik. Dabei hätten die Opfer Unterstützung durch berufene Fachleute mehr als nötig. Es unterstützt die Klärungsversuche der Missbrauchsopfer, wenn man sie in ihren Einschätzungen bestätigt und sich auf diese Weise als „Zeuge“ an ihre Seite stellt.

Doch mit ihrem belämmerten Schweigen und der gestelzten Erklärung auf ihrem gerade endenden Mainzer Kongress schädigt die pädagogische Fachgesellschaft jene, die an die Öffentlichkeit gehen und Wahrhaftigkeit verlangen. Sich von Lehrern und Vorbildern zu distanzieren, ist ein mitunter schmerzlicher Prozess, der allerdings in die Autonomie führt. Bisher mangelt es vielen Pädagogen augenscheinlich an eben dieser Eigenständigkeit des Denkens und Handelns, die sich – grimmige Ironie der Geschichte – die Reformpädagogen um von Hentig und Becker auf die Fahnen geschrieben hatte.

Das Versäumnis hat jedoch auch grundsätzlichen Charakter: Externe Kontrolle durch Supervision – in anderen Bereichen der Arbeit mit Abhängigen und Schutzbefohlenen eine Selbstverständlichkeit – ist an Schulen und Internaten kaum unüblich. Allenfalls kommt die fachliche Begleitung durch Experten dann in Betracht, wenn das Problem bei den Schülern ausgemacht wird – nahezu nie bei den Lehrerkollegien und ihren menschlichen Schwächen und Belastungen. Die Arbeit mit Minderjährigen und Schutzbefohlenen führt jedoch zwangsläufig zu Verstrickungen in Einzel- und Gruppenkontexten, zu Konflikten und Fehlhaltungen. Unverständlich bleibt, dass in den allermeisten psycho-sozialen, psychiatrischen oder Beratungseinrichtungen Supervision zum Qualitätsmanagement zählt, ohne die eine Zertifizierung scheitert, ein Problembewusstsein an Schulen jedoch für diese korrigierende und der Psychohygiene auch der Lehrer dienende Maßnahme weitgehend fehlt. Zu große Nähe, mangelnde professionelle Distanz, die im Übrigen keineswegs einer freundlich-zugewandten Atmosphäre widersprechen muss, kann durch Supervision im Vorfeld erkannt und korrigiert werden. Doch dazu bedarf es der Bereitschaft, sich berufsbegleitend in Frage zu stellen und stellen zu lassen. Davon ist bisher wenig zu erkennen, zumal man in Mainz ausreichend Gelegenheit hatte, Kontrollinstrumente zum Standard zu erheben.

Das Ende der Skandalmeldungen dürfte jedoch noch nicht erreicht sein: Sadistische oder sexuell gefärbte Misshandlungen durch Nonnen an männlichen Kindern und Jugendlichen sind für die Opfer besonders schambesetzt. Vielleicht schweigt auch deshalb diese Opfergruppe bis heute. Möglich aber auch, dass einzelne den Mut finden werden, sich ebenfalls öffentlich zu äußern. Zum Nutzen der vielen Betroffenen und der Wahrhaftigkeit für alle.



Micha Hilgers ist Psychoanalytiker, Supervisor und Publizist in Aachen. Von ihm zum Thema erschienen: „Scham. Gesichter eines Affekts“ (2006) und „Mensch Ödipus. Konflikte in Familie und Gesellschaft“ (2007), beide Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen.